Kuba (2022)
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Santa Clara
Adressangaben sind in Kuba so eine Sache. Man bekommt häufig drei Straßennamen: Die Straße auf der sich das gesuchte Gebäude befindet und zwei Straßen, die von dieser Straße abbiegen und somit den gesuchten Straßenabschnitt markieren. Dies und die Tatsache, dass die Straßen ziemlich lang sein können macht es zum Teil ziemlich schwierig Adressen zu finden. So kam es, dass wir leider am vollkommen falschen Ende in Santa Clara raus gelassen wurden. Nach ca. einer halben Stunde Fußweg standen wir dann schließlich vor der gebuchten Unterkunft und eine freundliche ältere Dame namens Elida öffnete uns die Tür. Sie hatte einen kleinen nervig bellenden Hund namens Neri, der sich leider so gar nicht über unseren Besuch freute. Carlos, unser eigentlicher Gastgeber und Sohn von Elida, war noch arbeiten, rief aber kurz darauf an um zu fragen ob alles in Ordnung sei. Er sprach direkt von sich aus klares Englisch und machte einen engagierten und freundlichen Eindruck. Ich nutzte die Gelegenheit um ihn zu fragen wie wir am besten nach Camgüey, unserem nächsten Ziel, gelangen können. Wir hatten vor nur eine Nacht in Santa Clara zu bleiben und dann weiter östlich zu fahren. Er empfahl uns entweder den Zug zu nehmen, oder das lokale Busunternehmen Viazul. Wir hielten uns nicht lange in der Unterkunft auf und brachen direkt auf zum Bahnhof. Ja, es gab einen Zug. Der Fuhr aber um Mitternacht und es gab keine Möglichkeiten die Tickets mit der Kreditkarte zu bezahlen. Da der Busbahnhof am anderen Ende der Stadt war, fuhren wir kurzerhand per Anhalter auf einer Art Motorrad-Lieferwagen mit. Wir waren endlich raus aus Trinidad, was sich sehr positiv auf unsere Laune auswirkte. Am Busbahnhof bekamen wir dann nicht nur Bustickets, sondern konnten die auch noch mit Kreditkarte bezahlen! Der einzige Haken war, dass der Bus bereits um 03:55 Uhr abfuhr und es die etwas merkwürdige Regelung gab, dass man schon 2 Stunden vorher für einen Check-in am Schalter sein musste, da sonst die Tickets verfallen würden. Bis zum Schluss haben wir diese Regelung nicht ganz verstanden, aber na gut, es war zu verkraften. Wir mussten also bereits kurz vor 02:00 Uhr morgens am Busbahnhof sein. Hier am Busbahnhof gab es eine kleine Cafeteria, die Burger und leckeren Saft für gerade einmal ein paar CUP verkaufte. Freudig gönnten wir uns was. Kevin hatte in Trinidad gefrühstückt, für mich war es aber mal wieder die erste Mahlzeit des Tages, auch wenn mein Magen wieder in Ordnung zu sein schien.
Am Grab von Che Guevara
Die wahrscheinlich größte Attraktion von Santa Clara ist das Monumento Memorial Che Guevara. Ein Gedenkort an Che Guevara an dem sich auch sein Grab befindet. Der Eintritt ist kostenlos, aber man darf keine Taschen mitnehmen und es herrschte ein striktes Fotoverbot im Museum und in der Gruft, sodass wir nur von außen ein paar Fotos machen konnten. Oben befand sich eine große Che Guevara Statue, während sich darunter das besagte Museum und die Gruft befanden. In dem Museum gab es unter anderem auch einige persönliche Gegenstände von Che zu sehen und in der Gruft lagen auch einige weitere Befreiungskämpfer*innen. Der Personenkult ist auf Kuba natürlich unglaublich stark, aber es hat sich durchaus gelohnt sich diesen Ort anzuschauen.
Was ist los mit Carlos?
Auf dem Rückweg sind wir an einem großen MLC Store vorbei gelaufen, der als einziger geöffnet zu sein schien. Die kleineren Läden schienen alle geschlossen zu sein und es war nicht ersichtlich wie lange dieser Zustand schon anhielt. In der Unterkunft trafen wir Carlos schließlich persönlich. Er begrüßte uns herzlich und doch schien an ihm etwas merkwürdig zu sein. Ich redete ihn auf Spanisch an, er bestand aber darauf Englisch mit uns zu sprechen. Als erstes erkundigte er sich ob wir denn nun unsere Weiterfahrt nach Camagüey organisiert gekriegt haben. Wir bejahten dies und erklärten ihm alles, auch dass wir bereits kurz vor 02:00 Uhr am Busbahnhof sein mussten. Er nickte und hörte aufmerksam zu. Als ich endlich fertig erzählt hatte erwiderte er: “Gut, aber was das wichtigste ist: Habt ihr nun eine Möglichkeit gefunden nach Camagüey zu gelangen?”. Kevin und ich schauten uns etwas verwirrt an und vermuteten, dass es wohl doch am Englisch lag. Ich erklärte die ganze Situation also noch einmal auf Spanisch. Weiterhin hatten wir noch immer unsere Bargeld-Probleme. Da Carlos unser erster AirBnB-Host auf Kuba war, hofften wir auf eine gewisse Offenheit was Technik angeht und fragten, ob die Möglichkeit bestand über PayPal Geld zu wechseln. Er sagte, dass er selbst dies nicht anbieten kann, aber er sei in einer Telegram-Gruppe für Santa Clara in der ein kleiner Schwarzmarkt zum Geld wechseln entstanden ist. Er würde dort für uns nachfragen. Wir machten das großzügige Angebot, dass wir bereit wären 200€ auf diesem Wege in CUP zu wechseln. In einem Land in dem das monatliche Durchschnittseinkommen bis vor kurzem noch bei 50€ lag war das jede Menge Geld. Wir wollten uns auf jeden Fall gut stellen mit Carlos und nahmen direkt auch noch die Option an bei ihm zu Abend zu essen. Nach kurzer Zeit meldete sich Carlos freudig: Jemand hätte geantwortet und wäre bereit uns sogar zu einem Wechselkurs zu 1:115 zu tauschen. Endlich! Die Freude war aber nur von kurzer Dauer, da sich herausstellte, dass die Person nur Bargeld wechseln würde und nicht über PayPal. Ich erklärte Carlos nochmal alles auf Spanisch, auch wenn er weiterhin auf Englisch bestand. Gemeinsam formulierten wir noch einmal eine Nachricht für die Telegram Gruppe aus der ersichtlich wurde, dass wir bargeldlos Geld wechseln wollten. Kurze Zeit später rief Carlos mich freudig auf dem Handy an: “Es hat sich jemand gefunden, der euch sogar einen Wechselkurs von 1:120 anbietet. Wann soll er herkommen um das Geld zu wechseln?”. Langsam wurde ich skeptisch und fragte nochmal nach bezüglich PayPal. “Oh achso, ich wusste nicht, dass ihr kein Bargeld wechseln könnt. Na ich frag nach, aber wahrscheinlich wird das nichts.” Kevin saß neben mir und hörte das englischsprachige Gespräch mit. Ihm platzte langsam der Kragen. Kurz darauf gab es auch schon das Abendessen. Carlos wünschte uns einen guten Appetit und sagte, er würde die Teller und das übrig gebliebene Essen (wir hatten eine eigene kleine Küche wo das Essen serviert wurde) später abräumen. Schweigend aßen wir auf. Danach zog ich mich an und machte mich auf den Weg in sämtliche geöffneten MLC Stores in der nähe. Ich wusste, dass es kriminell war, aber dennoch ging ich in jedem Laden sobald gerade keine Kundschaft da war zur Kasse, beugte mich vor und fragte leise ob man hier Geld wechseln könne. Das ist Kuba, hier muss man kriminell sein um zu überleben. Leider bekam ich in jedem einzigen Laden eine Absage. Langsam realisierte ich, dass der Laden in Trinidad eine Ausnahme und nicht die Regel war. Erschöpft setzte ich mich auf eine Parkbank und im nächsten Moment kam es über mich und ich heulte wie ein kleines Kind. Was ist nur aus diesem Land geworden? Noch vor ein paar Jahren war es ein Paradies. Ich hatte beruflich einige sehr harte Monate hinter mir und das Einzige was mich in dieser Zeit durch den Alltag gebracht hatte war die Freude auf diesen Urlaub und jetzt das… Ich weiß nicht, wie lange ich da so elendig saß. Irgendwann raffte ich mich zusammen und ging zurück zur Unterkunft. In der Küche lagen immer noch die Teller und die Essensreste. Kevin hatte in der Zwischenzeit unser Bargeld gezählt und es sah nicht gut aus. Wir hatten noch 10000 CUP und ca. 250€. Das ist nicht wenig, aber für die verbliebenen 14 Tage war es zu wenig. Erschöpft legten wir uns schlafen, da die Nacht sowieso kurz werden würde. Während die Strapazen mich zumindest schnell einschlafen ließen, lag Kevin wach im Bett. Um 22:00 Uhr fiel der Strom aus und die Klimaanlage verstummte. Kurz vor 01:00 Uhr kehrte der Strom zurück und um Punkt 01:00 Uhr klingelte der Wecker. Noch immer lagen die Teller und die Essensreste in der Küche wo sich langsam die Fliegen darüber hermachten.
Wir nahmen unsere Sachen, gingen runter und standen auf einmal vor einer verschlossenen Haustür. Da platzte Kevin entgültig der Kragen: “Das kann doch nicht wahr sein! Wir haben es ihm doch mehrfach und auf zwei Sprachen erklärt!” Elida kam, von dem Lärm geweckt, raus und fragte was zu so später Stunde los sei. Wir hatten keine Zeit, wir mussten zum Busbahnhof. Weg von hier! Sie klopfte an einer der Türen und Carlos kam raus. “Ich wusste nicht, dass ihr mitten in der Nacht los müsst”. “Wir haben es gestern mehrfach gesagt, was ist los?”, brüllte ihm Kevin entgegen. Carlos öffnete die Tür und wir stürmten raus ohne uns noch einmal umzudrehen.
Schnellen Schrittes gingen wir zu Fuß zum Busbahnhof von Santa Clara. Der Fußweg betrug in etwas eine halbe Stunde, aber wir konnten uns nicht erlauben ein Taxi zu bezahlen, auch wenn selbst jetzt noch Taxen und Kutschen hin und wieder neben uns hielten. Die Fahrer konnten zwar nichts dafür, sie bekamen aber trotzdem jedes Mal ein sehr abweisendes “Nein!” von uns zu hören. Unser beider Laune war absolut im Keller. In manchen Straßenzügen mussten wir uns mit dem Handy Licht verschaffen, da dort anscheinend noch immer der Strom ausgefallen war. Zum Glück ist die Kriminalitätsrate in Kuba erstaunlich gering, sodass es zumindest nicht sonderlich gefährlich war zu dieser Zeit draußen unterwegs zu sein. Wenigstens das scheint in diesem Land noch zu funktionieren.
Angekommen am Busbahnhof erwartet uns zur Abwechslung mal eine positive Überraschung: Im Viazul Büro, welches selbst tagsüber kaum geöffnet war, saß ein Mann und auch wenn wir ihn erst wecken mussten, so checkte er uns doch ein und gab uns unsere Boardingpässe für den Bus. Erschöpft, aber froh dass wenigstens das zu funktionieren schien, ließen wir uns in der großen Wartehalle nieder. Das einzige Licht kam hier von einem alten Röhrenfernseher, der an der Wand befestigt war und mit stark knarzenden Lautsprechern irgendwelche alten Actionfilme abspielte. So wirklich guckte aber niemand die Filme an. Die meisten Leute lagen auf den Bänken und versuchten etwas Schlaf nachzuholen. An den Wänden hingen Propaganda-Plakate auf denen den kubanischen Ärzten für ihren Einsatz während der Corona-Pandemie gedankt wurde. Daneben hingen Vermissten-Plakate. Ich bezweifelte, dass die Leute auf den Fotos wirklich einem Gewaltdelikt zum Opfer gefallen sind. Die Meisten haben wohl einfach versucht in ein besseres Leben zu fliehen.
Unser Bus kam überraschend pünktlich und wir waren die einzigen zwei Personen, die in Santa Clara einstiegen. Eigentlich hatten wir Plätze in der zweiten Reihe, aber man setzte und Ausländer*innen dennoch in die erste Reihe. Während ich versuchte etwas Schlaf nachzuholen konnte Kevin erneut kaum schlafen. Beinfreiheit war so gut wie keine gegeben und die Decke war so niedrig, dass Kevin mit seinem Kopf um Haaresbreite gegen stieß. Es gab zwei Fahrer, sodass sie sich abwechseln konnten und immer einer Pause machen konnte. Zumindest einer davon war aber ein sehr lauter Schnarcher, was es auch nicht einfacher machte einzuschlafen. Erst um 06:00 Uhr erfolgte dann schließlich der Fahrerwechsel. Auch nachts waren noch einige Leute am Straßenrand zu sehen. Die Meisten winkten dem Bus zu sie doch bitte mitzunehmen und einige durften auch einsteigen. Wie der Fahrer auswählte wer mitfahren konnte war uns dabei bis zum Schluss nicht ganz klar. Zusätzlich gab es auch mehrere Stopps an Imbissständen oder Rasthöfen. Mit der Aufgehenden Sonne näherten wir uns unserem nächsten Ziel: Camagüey.
