Tunesien (2023)
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Kairouan – Wie aus 1001 Nacht
Ein letztes Mal betrat ich den Speisesaal meines Hotels in Sousse, wo sich wie jedes Mal die klischeehaftesten Szenen am Buffet abspielten. Auch wenn die Konferenz mit all den coolen Leuten und unseren gemeinsamen Ausflügen wirklich klasse war, so war ich froh, als ich endlich aus diesem All-Inclusive Bunker auschecken konnte.
Die ganze Reise über hatte ich mich gefragt, wo ich für die zwei mir noch verbleibenden Tage hinreisen sollte. Mir wurden hauptsächlich Küstenorte vorgeschlagen, aber von Bade-Tourismus hatte ich die Schnauze gestrichen voll. Als Star Wars Nerd wären natürlich die Original-Drehorte im Süden des Landes interessant gewesen (unter anderem gibt es in Lukes altem Haus nun ein cooles Star Wars Hotel), allerdings war das zu weit weg, wenn man bedenkt, dass ich effektiv nur eine Nacht hatte. Stattdessen spielte ich die ganze Zeit schon mit dem Gedanken nach Kairouan zu reisen, jedoch wurde mir dies von allen Seiten abgeraten. Allein gestern hatte der Taxifahrer erzählt, dass Kairouan die 50°C-Marke geknackt hätte und es dort zur Zeit einfach nur unerträglich sei. Meine Neugierde trieb mich dazu dennoch mal nach Unterkünften zu schauen. Dabei fand ich eine günstige und top bewertete Unterkunft mit guter Lage (und mit irgendeiner Form von Klimaanlage, auch wenn die Angaben etwas missverständlich waren). Schließlich gewann meine Neugierde und ich buchte die Unterkunft. Mein nächstes Ziel war also Kairouan: Das Tor zur Sahara und die heiligste islamische Stadt in den Maghreb-Staaten.
Ich bestellte einen Bolt zur Louage Station und nach kurzem Suchen fand ich den Schalter, der die Tickets nach Kairouan für einen übertrieben billigen Betrag verkaufte. Ich war die einzige Frau in der Louage. Gesprächspartner fand ich diesmal keine, die meisten waren mit ihren Smartphones beschäftigt. Das war aber nicht weiter schlimm, da die Fahrt sowieso nur eine knappe Stunde dauerte. Ich bat den Fahrer mich etwas eher raus zu lassen, da wir unweit meiner Unterkunft entlang fuhren.
Ja, es war wirklich heiß hier, aber nach all den Erfahrungen der letzten Tage machte mir das viel weniger aus als erwartet. Ich nahm meinen Koffer und navigierte zur Unterkunft. An dem Ort, den mir die Markierung anzeigte, war ein Bekleidungsgeschäft in dessen zwei Frauen saßen und sich unterhielten. Als sie mich sahen, wussten sie direkt was Sache ist. “Dar Chama?”, fragten sie. Das war der Name meiner Unterkunft. Ich nickte. Sie deuteten mir an hier im Schatten zu warten und wenige Sekunden später kam eine Frau mit lockigen Haaren aus der gegenüberliegende Gasse hervor. Das war Chama, meine Gastgeberin. Sie begrüßte mich herzlich und bat mich darum doch bitte Deutsch zu sprechen, da ihr Englisch nicht so gut sei. Ihr Deutsch hingegen war einwandfrei, da sie bis zur Pandemie als Reiseleiterin für deutsche Reisegruppen in Hammamet gearbeitet hatte. Als der Tourismus 2020 zum Erliegen kam, verschlug es sie zurück nach Kairouan in das über 100 Jahre alte Haus in dem sie aufgewachsen ist. Sie hat das Haus komplett renoviert und empfängt nun in einem der Zimmer Reisende. Theoretisch könnte sie wieder in ihren alten Beruf zurück kehren, aber das möchte sie nicht, denn ihr geht es hier in Kairouan viel besser und als ich das Haus sah, war mir sofort klar wieso. Das Haus war wie in einem Märchen, mit runden Torbögen und einem schönen großen Innenhof von wo aus man alle Zimmer erreichen kann. Chama hatte den Innenhof liebevoll mit Blumen eingerichtet. Es gab selbst angebaute Minze und duftende Jasminpflanzen.
Einer der ersten Sätze, die Chama zu mir sagte war “Fühl Dich wie zu Hause”. Mir wurde klar, dass das nicht nur so eine Floskel war, sondern ihr Ernst. Chama hatte aufgrund des langen Wochenendes ihre Tochter Meriam und ihre Enkeltochter Miral zu Gast. Meriam sprach auch ein wenig Deutsch, wenn auch nicht so gut wie ihre Mutter, dafür sprach sie einwandfrei Englisch. Sie war Software Entwicklerin in Hammamet und wir verstanden uns auf Anhieb gut. Miral war ein richtiger kleiner Wirbelwind. Ich gebe zu, dass ich manchmal etwas unbeholfen im Umgang mit Kindern bin, aber Miral musste man einfach direkt ins Herz schließen. Vor der Haustür befanden sich jede Menge Katzen, darunter auch kleine Katzenbabys, die Chama versorgte. Drinnen irrte eine schüchterne Siamkatze umher. Die Schüchternheit war darin begründet, dass sie ohne Augen zur Welt gekommen war und somit blind war. Eine befreundete Tierärztin hatte Chama die Katze gebracht, nachdem sie vor ihrer Tür ausgesetzt worden war und Chama kümmerte sich nun liebevoll um das Tier.
Chama zeigte mir mein Zimmer und mein Herz machte einen Freudensprung, als ich die Klimaanlage an der Wand sah. Neben einem Stadtplan hatte sie mir auch einen kleinen Teller mit Makroudh zur Begrüßung hingelegt. Dies war eine Spezialität aus Kairouan: Mit Datteln gefüllte Griesplätzen (wenn sie mit Butter zubereitet werden sind sie nicht vegan, ob Butter oder Margarine verwendet wurde weiß man aber sowieso nie, da muss man auf Reisen mal Abstriche machen). Wie erwähnt, ist Kairouan eine heilige Stadt und man sagt, dass man selbst ebenfalls heilig wird, wenn man Makroudh isst. Na das wollte ich mir nicht entgehen lassen 😉
Wie alle orientalischen Süßigkeiten, sind auch Makroudh sehr süß, aber auch extrem lecker. Mein Zimmer glich ebenfalls einen Märchen aus 1001 Nacht. Das Bett befand sich in einer runden Niesche mit Vorhängen und einer Couch davor und die Möbel wirkten so Antik wie das Haus selbst, waren aber allesamt in einem erstaunlich guten Zustand. Eine kleine Holztür führte zu einem Badezimmer mit extrem niedriger Decke, was aber mit all dem ausgestattet war, was man so brauchte und auch wirklich sehr sauber war. Kurz nickte ich auf der Couch ein. Als ich wach wurde und wieder heraus trat, fragte Chama mich, ob ich nicht mit ihr und Meriam und Miral essen wolle, was ich dankend annahm. Vegan war kein Problem: Sie zauberte eine vegane Variante von Schakschuka mit Brot und Salat dazu und zum Nachtisch gab es Obst. Wir unterhielten uns munter am Essenstisch und es fühlte sich an, als wäre ich schon seit Jahren Teil der Familie.
Nach dem Essen brach ich auf, um die Stadt zu erkunden. Ja, die Sonne war gerade erbarmungslos, aber ich hatte bekanntlich nicht allzu viel Zeit die Gegend zu erkunden. Die Straßen waren absolut menschenleer, was bei den gerade vorherrschenden 48°C auch kein Wunder war. Die Stadt war definitiv islamisch geprägt. Überall ragten Minarette empor. Nicht umsonst wird Kairouan auch “Die Stadt der 300 Moscheen” genannt. Eine ziemlich große Zahl für eine Stadt mit etwas mehr Einwohner*innen als Jena. Auf einige Häuser waren Koranverse aufgemalt und an einer Wand wurde für Reisen nach Mekka geworben. Der Souq begann an einer der alten Stadtmauern. Die Waren waren allerdings zugedeckt und die Verkäufer*innen ruhten sich gerade wahrscheinlich irgendwo aus. Es fühlte sich in etwa so an wie die Siesta in Spanien. Das störte mich aber nicht weiter, denn die Stadt selber war hier die Attraktion.
Die niedrigen Gebäude waren meistens in weiß oder Beige gehalten mit runden, traumhaft verzierten Türen. Höhere Gebäude hatten zum Teil Balkone oder vergitterte Fenster, die ähnlich kunstvoll wirkten. Man fühlte sich wie in Disney’s Aladdin. Egal wo man abbog, überall gab es eine noch schönere Gasse mit noch schöneren Torbögen, Türen und Fenstern. Ich könnte stundenlang hier durchlaufen und wäre immer noch fasziniert gewesen. Stattdessen suchte ich einen Ort direkt am Souq auf, der mir von Chama empfohlen wurde und zwar das Bir Barrouta. Eine unscheinbare Treppe führte in den ersten Stock eines der Gebäude. Dort gab es eine unübliche Szenerie zu sehen: Während sich auf der linken Seite ein kleines Café erstreckte, befand sich auf der rechten Seite ein Brunnen, der von einem Kamel betrieben wurde (Ja, ein Kamel im 1. Stock eines Hauses!). Dieser Brunnen ist tatsächlich einer der heiligsten Orte in Kairouan, denn angeblich ist er direkt mit dem Bir Zemzem, dem heiligen Brunnen in Mekka, verbunden. Das Kamel wird dazu benötigt Wasser hochzuholen, weil der Brunnen ganze 20m tief ist. Geschichtlich ist der Brunnen natürlich auch deswegen für die Stadt wichtig, da er einst half die Bevölkerung in dieser trockenen und heißen Gegend mit Wasser zu versorgen. Die Gläubigen, die nach Kairouan pilgern, trinken das Wasser aus diesem Brunnen, da ihm eine heilende Wirkung nachgesagt wird.
Zwei Männer befanden sich im ersten Stock. Der eine war hinter dem Tresen des Cafés beschäftigt und der andere stand bei dem Kamel. Beide wirkten überrascht mich hier plötzlich zu sehen, aber sie kamen direkt auf mich zu und begrüßten mich herzlich. Englisch sprachen sie leider nicht, aber mit Händen, Füßen und ein bisschen Arabisch konnten wir uns dennoch verständigen. Es gehört zum guten Ton in Barrouta eine kleine Spende einzuwerfen. Daraufhin trieb der eine Mann das Kamel an, welches anfing seine Kreise zu ziehen. Ich hoffte nur, dass das Kamel abseits seiner Schichten auch mal hier raus kommt. Zumindest hatte es hier aber ein schattiges Plätzchen und es war interessant den Brunnen in Aktion zu sehen, wie das Wasser nach oben befördert wurde. Mir entging nicht, dass der Mann, der das Kamel antrieb, ein gefälschter Borussia Dortmund Oberteil trug. Ich zeigte auf das Logo und erklärte ihm, dass das meine Heimat ist. Seine Augen leuchteten auf und nachdem ich meine obligatorischen Fotos geschossen hatte, bat er mich auch noch um ein Selfie.
Nach der Attraktion begab ich mich zur anderen Seite des Raumes, wo der andere Mann noch immer hintern Tresen stand. Ich bestellte mir einen Kaffee und setzte mich in den Gästebereich des Cafés. Ein älterer Herr schlürfte dort gerade seinen Kaffee zu Ende. Er begrüßte mich lächelnd, wenn auch leicht verwirrt, und ich grüßte ebenso lächelnd zurück. Das Café war mit orientalischen Sitzecken und kleinen Holztischlein ausgestattet und ich setzte mich an eines der vergitterten Fenster, um so auf die Straße herunter blicken zu können, auch wenn da noch immer nicht viel los war. Kurz darauf kam der Kellner mit meinem Kaffee und da es keine Klimaanlage gab, drückte er mir noch einen Fächer in die Hand. Ich saß eine Weile hier, trank meinen wirklich köstlichen Kaffee und genoss die Entschleunigung. Schließlich zahlte ich und verabschiedete mich bei den zwei Männern, die mir noch einmal hinterher winkten. Ich ging noch eine ganze Weile durch die Gassen der Stadt und entdeckte an jeder Ecke wieder einen neuen noch schöneren Spot.
Mädelstour durch das abendliche Kairouan
Zurück in der Unterkunft bot mir Chama einen frischen Pfefferminztee an, den ich dankend annahm. Sie und Meriam waren gerade damit beschäftigt Pfefferminzblätter von den frisch geernteten Stilen abzuzupfen und auch Miral half mit. Bald würde es dunkel werden, was die Temperaturen auch erträglicher werden lies und da wollten die Frauen ein wenig raus gehen. Da machte Chama mir ein Angebot, das ich natürlich nicht abschlagen konnte, indem sie mich fragte, ob ich mich ihnen anschließen wolle. Natürlich wollte ich das! Nachdem ich meinen Tee ausgetrunken hatte, half ich ebenfalls mit die Pfefferminzblätter abzuzupfen. Dann machten wir alle uns fertig und es ging los.
Die Stadt war wie ausgewechselt. Überall waren Menschen und Autos und Mopeds schlängelten sich durch die Straßen. Unser Weg führte uns zum Mausoleum von Sidi Sahib. Es heißt zwar Mausoleum, weil sich hier das Grab von Abu Zama’a al-Balawi, einem Gefährten von Mohammed, befindet, es ist jedoch im Prinzip ebenfalls eine der vielen Moscheen. Das Minarett war bunt beleuchtet und auf dem Platz vor der Moschee tummelten sich jede Menge Menschen. Händler boten hier Snacks und Getränke an und für die Kinder waren Trampoline aufgebaut (natürlich durfte Miral auch auf eines der Trampoline). Tagsüber musste man Eintritt zahlen um das Mausoleum zu besuchen, nun aber stand es für alle offen und Chama wies mich an doch einfach mal rein zu gehen. Die Räumlichkeiten waren traumhaft bemalt und mit zahlreichen Säulen bestückt. Im Innenhof waren erneut zahlreiche Menschen, die Fotos schossen. Dies war eindeutig eine der schönsten Moscheen, die ich bislang gesehen hatte.
Wieder draußen angelangt, kam ich direkt rechtzeitig für die große Fete: Begleitet von einer Horde Musikern kamen leuchtende Kutschen vorgefahren. In einer der Kutschen hielt ein junges Paar einen Säugling in der Hand. “Eine Beschneidung”, erklärte mir Chama. Wir beobachteten das bunte Treiben vor dem Eingang. Es dauerte keine 5min, da waren alle wieder draußen und die Kutschen fuhren los, nur damit weitere Kutschen vorfahren konnten. Noch eine Beschneidung! Diesmal beschlossen wir spontan mitzufeiern. Vor den Musikern war eine Gruppe tanzender Frauen. Wir standen zusammen mit eine Menge anderer Leute im Kreis, um die Frauen herum und klatschten im Takt. Die gute Stimmung war absolut ansteckend und das Beste was man machen konnte war sich einfach mitreißen zu lassen. Miral starrte derweil die bunten Kutschen an.
Am Rande des Platzes standen einige leere Kutschen die darauf warteten Gäste zu befördern. Ich bot meinen Gastgeberinnen als kleines Dankeschön an sie auf eine Kutschtour einzuladen, was freudig angenommen wurde. Meriam schien ein Talent zum Verhandeln zu haben und so bekamen wir für 15 Dinar eine kleine Rundfahrt geboten. Chama gab die Strecke vor und ganz die Reiseführerin erklärte sie mir was es unterwegs so alles zu sehen gab. Miral hüpfte währenddessen freudig rum, während Meriam Fotos von ihr machte. Nach der Kutschtour gingen wir gemeinsam wieder zurück nach Hause. Was für ein toller und erlebnisreicher Tag und was für ein hervorragender Abend!
Diese Stadt ist einfach nur wunderschön!
Der nächste Tag startete mit einem herrlichen Frühstück. Chama hatte für den Tisch gedeckt mit Kaffee, Brot und herrlichen selbstgemachten Marmeladen. Marmelade herzustellen hatte sie in Deutschland gelernt und zurück in Tunesien mit heimischen Früchten perfektioniert. So war einer meiner Favoriten die Feigenmarmelade, aber auch die Orangenmarmelade war köstlich. Nach dem Frühstück räumte ich schon einmal mein Zimmer. Mein Flug nach Deutschland sollte mitten in der Nacht von Tunis aus gehen und Chama hatte mir geholfen einen Fahrer zu organisieren, der mich am Abend abholen und zum Flughafen bringen würde. So lange konnte ich meine Sachen einfach in ihren privaten Räumen unterbringen. Das Zimmer musste ich deswegen räumen, weil heute eine Familie anreisen sollte, die das Zimmer gebucht hatten. Ich verfrachtete mein Gepäck also rüber und machte mich dann los zu meiner heutigen Erkundungstour. Immerhin hatte ich ja noch den gesamten Tag, den ich nutzen konnte.
Im Norden der Altstadt besuchte ich zunächst die Bassins des Aghlabides. Dabei handelte es sich um zwei große Wasserbecken, die, wie es der Name verrät, von den Aghlabiden als Wasserreservoirs erbaut wurden, da Wasser in dieser Region generell ein kritisches Thema ist und schon immer war. Heutzutage gibt es ein Gebäude mit einem Ticketschalter, einem Souvenirshop und einer Aussichtsplattform von wo aus man das Areal mit den Becken überblicken kann. Ähnlich wie schon in Karthago, war das Ticket das man hier erwarb auch für die ganzen anderen Attraktionen für den restlichen Tag gültig. Ich machte meine obligatorischen Fotos, kaufte ein paar Souvenirs für die Familie daheim und bekam von Händler noch ein Makhroud geschenkt.
Dann ging es weiter zur großen Moschee, die gleichzeitig auch das Wahrzeichen der Stadt ist. Zu meiner Verwunderung lies man mich, im Gegensatz zu der Moschee in Tunis, mit meinem Ticket einfach rein. Ich wollte mir noch schnell mein mitgebrachtes Tuch um den Kopf binden, doch der Wachmann gab mir zu verstehen, dass das nicht nötig sei. Ausgerechnet hier hätte ich das nicht erwartet, war aber ganz froh darüber, vor allem, da ich bei dieser Hitze nicht auch noch ein Tuch um den Kopf brauchte. Einzig in den Gebetsraum durfte ich nicht rein, da dieser nur Moslim*innen vorbehalten war. Doch der Innenhof mit seinen langen Säulengängen und dem riesigen Minarett war bereits imposant genug. So umrundete ich den Innenhof und schoss dabei ein Foto nach dem anderen, bevor es zum nächsten Punkt auf meiner Karte ging.
Der nächste Programmpunkt war das Mausoleum von Sidi Amor Abada, einem der vielen hier bestatteten Heiligen. Diesmal war das Mausoleum keine Moschee, sondern ein Museum, jedoch ein ziemlich herunter gekommenes. Man sah einige persönliche Gegenstände, die entsprechend Abadas exzentrischem Charakter, überdimensioniert und unpraktisch wirkten, und eine Art Holzkasten mit einer großen Tafel drauf. Anscheinend war das eine sogenannte Zaouia, eine Art Denkmal zur postumen Verehrung. Man konnte noch weiter gehen in die Räumlichkeiten, die eventuell einst als Moschee gedient haben, jedoch waren sie leer und von den Wänden bröckelte der Putz. Einzig und allein die Decken waren von Interesse, weil sie hier und dort noch Verzierungen aufwiesen.
Zu meiner Enttäuschung stellte ich fest, dass die anderen Orte auf meinem Ticket entweder zu weit weg oder geschlossen waren. Einzig und allein das Mausoleum von Sidi Sahib hätte ich noch besuchen können, aber da war ich ja gestern abends bereits. Stattdessen musste ich noch eine Quest erfüllen: In Sousse hatte ich Postkarten gekauft, aber leider gab es keine Briefmarken. Diese musste ich nun in Kairouan auftreiben, jedoch ist auch hier sonntags die Post geschlossen. Ich lief also über den Markt und fragte alle möglichen Händler. Die verwiesen mich an die verrücktesten Orte, nur damit man mir dort erklärte, dass es hier keine Briefmarken gäbe. Unterwegs hatte ich mir einen traditionellen Fächer gekauft (Das Thermometer war bei stolzen 49°C) und schlug mich weiter durch.
Ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben, da sah ich einen Getränkestand an einem der alten Stadttore. Ein kühles Getränk war genau das was ich jetzt brauchte! Der Händler schien sehr freundlich und so beschloss ich ein letztes Mal zu fragen, ob er wisse wo es hier an einem Sonntag Briefmarken zu kaufen gäbe. Er rief einen Jungen zu sich und sagte ihm irgendwas auf arabisch. Dann gab er mir ein Zeichen dem Jungen zu folgen. Dieser führte mich einen Stand weiter zu einem älteren Herren, der Batterien und Kleinkram verkaufte. Der Junge wiederholte das vorhin gesagte und da holte der ältere Herr tatsächlich einen Stapel Bögen mit Briefmarken hervor. Juhu! Meine Postkarten waren gerettet! Nun hatte ich einen Fächer, ein kühles Getränk und meine Briefmarken. Mission erfüllt 🙂
Begegnungen
Auf dem Rückweg blieb ich vor einem der vielen kleinen Juwelierläden stehen. Ich hatte leider den Stecker von meinem Ohrring verloren und es sah so aus als hätten sie hier schöne Ohrringe. Eine Frau in einem hellen Kopftuch lächelte mich an, als ich den Laden betrat. Anstatt mich wie alle anderen auf Französisch anzusprechen, sprach sie mich auf Englisch an und fragte, ob es in Ordnung sei wenn wir Englisch sprechen, da sie es gerade versucht zu lernen. Ich bejahte und erklärte ihr, dass ich sowieso kein Französisch spreche, woraufhin wir beide anfingen zu lachen. Wir unterhielten uns über Kleinigkeiten. Ich erzählte ihre wie begeistert ich war von Kairouan und sie fragte mich über Deutschland aus. Auch wenn unser Gespräch eher oberflächlich war, blieb ich länger als erwartet in dem Laden und wir unterhielten uns noch eine Weile. In der Zwischenzeit hatte ich mir ein Paar Silberohrringe mit einem grünen Stein rausgesucht. Sie tat die Ohrringe auf eine Wage und rechnete in ihrem Taschenrechner einen Preis aus. Normalerweise verhandelt man hier die Preise, sie jedoch fing an mit sich selber zu verhandeln. So nannte sie mir einen Preis von knapp über 20 Dinar (was bereits recht günstig war), korrigierte sich dann selber aber immer weiter runter, als würde sie mit sich selbst verhandeln, bis sie bei 15 Dinar ankam. Für mich gab es da dann nichts mehr hinzuzufügen. Ich überreichte mir das Geld und sie verpackte mir die Ohrringe in ein hübsches pinkes kleines Schächtelchen mit einer Schleife oben drauf. Wir bedankten uns gegenseitig für das tolle Gespräch und sie winkte mir hinterher, als ich den Laden wieder verließ.
Da meine Mission nun erfüllt war und die Mittagshitze wirklich gnadenlos war, ging ich wieder zurück zur Unterkunft, um die Postkarten zu schreiben und die erworbenen Briefmarken aufzukleben. Zusammen mit Chamas Siamkatze, verkroch ich mich für die nächsten paar Stunden in eines der Zimmer und versuchte so der Hitze zu entkommen. Die Zeit nutzte ich um mit der Familie zu telefonieren und Fotos nach Deutschland zu verschicken. Irgendwann machte ich mich dann aber wieder los, um die Postkarten einzuschmeißen. Zum Glück gab es vor der Post einen Briefkasten. Stand Dezember 2023 sind noch immer nicht alle Postkarten angekommen, aber diejenigen die es geschafft haben waren erst im November in den Briefkästen und das obwohl ich im Juli hier war.
In der Nähe des Post erregte ein Café meine Aufmerksamkeit, das eher wie eines der hippen Cafés aus Sidi Bou Saïd wirkte. Gegen einen Kaffee hatte ich nichts einzuwenden und so trat ich ein. Die klimatisierte Luft wirkte angenehm. Außer mir gab es hier keine Gäste. Die junge Kellnerin sprach leider kein Wort Englisch, aber sie gab sich sichtlich Mühe und immerhin war das Menü zum Teil auf Englisch. So bestellte ich einen Kaffee, Zitronenwasser und ein paar Mandeln. Während die Kellnerin meine Bestellung fertig machte, betrat eine weitere junge Frau das Café und setzte sich an den freien Tisch gegenüber. Sie hatte kurz geschnittene Haare und eine große Hornbrille. Am Tisch angekommen klappte sie ihren Laptop auf und wirkte eher als säße sie gerade in einem Starbucks im Silicon Valley und nicht in Kairouan.
Die Kellnerin war in der Zwischenzeit fertig mit meiner Bestellung. Neben den Mandeln und meinen Getränken, brachte sie mir noch ein merkwürdig geformtes Metallgefäß, welches mich neugierig machte. Ich zeigte darauf und fragte was das ist, doch die Kellnerin konnte natürlich noch immer kein Englisch und so verstand sie meine Frage nicht. Die Dame mit der Hornbrille blickte nun von ihrem Laptop hoch und kam der Kellnerin zur Hilfe. In perfektem Englisch erklärte sie mir, dass sich darin Rosenwasser befand. Man kann es sich auf die Hände tun, denn es rieche gut. Erleichtert ging die Kellnerin wieder zurück an ihren Platz und ich bedankte mich für die Übersetzung. Auch die Dame mit der Hornbrille war nun neugierig auf mich geworden und wollte wissen, wo ich herkomme und was ich in Kairouan mache.
Wir kamen ins Gespräch und setzten und irgendwann kam ich sogar an ihren Tisch mit rüber. Ihr Name war Hayfa und wie sich herausstellte war sie die Besitzerin des Cafés. Sie ist in Kairouan geboren und groß geworden, ist dann aber zum Studium ins Ausland gegangen. Nun ist sie zurück mit dem Ziel die Stadt zu beleben und Arbeitsplätze zu schaffen. Das Café sei dabei erst der Anfang. Wir verstanden uns auf Anhieb gut, denn wir teilten eine Begeisterung für diese Stadt. Hayfa erzählte mir viel darüber wie es hier früher aussah und wie die Stadt sich nun entwickelt. Die Zeit verging wie im Flug. Schließlich bedankte ich mich für das tolle Gespräch, wünschte ihr noch alles Gute, bezahlte und machte mich los. Ich schlenderte noch ein bisschen durch die Stadt, verabschiedete mich von den engen Gassen mit den hübschen Türen und kehrte schließlich zurück zu Chama. Sie war gerade dabei Nudeln mit Tomatensauce für alle zu kochen und bot mir an wieder mit ihnen mitzuessen, was ich dankend annahm. Die restliche Zeit verbrachte ich in der Unterkunft und spielte mit Miral, oder sie mit mir, das weiß man nicht so genau 😉
Abschied
Die Zeit verging wie im Flug und schließlich wurde es Abend, was für mich bedeutete abzureisen. Gemeinsam mit Chama, Meriam und Miral gingen wir zum Sayed Sahbi-Kreisverkehr, ein eindrucksvoller Kreisverkehr mit einem islamischen Monument in der Mitte. Der Fahrer erwartete uns schon und half uns noch ein paar gemeinsame Abschiedsfotos zu schießen. Auch wenn ich nur kurze Zeit hier war, fühlte sich Kairouan für mich mittlerweile wie ein Stück Heimat und die Drei wie ein Teil meiner Familie an. Es heißt, wenn man Kairouan liebt, dann kehrt man auch zurück. Na wenn es danach geht, dann werde ich sicherlich noch einmal an diesen märchenhaften Ort zurückkehren!
Im Auto überreichte der Fahrer mir zwei frische duftende runde Brote. Die seien für mich, ich habe doch eine lange Reise vor mir und die Bäckerin hier in der Nähe mache die besten Brote. Er lächelte mir nochmal zu und fuhr los. Es ist wirklich unglaublich wie nett die Menschen hier alle sind. Ich war ja nun schon in so einigen Ländern auf dieser Welt, aber die tunesische Gastfreundschaft sucht wirklich ihresgleichen. Während in der Dunkelheit das Land an mir vorbei zog, aß ich eines der Brote. Das andere packte ich ein, um es Kevin probieren zu lassen. Es war wirklich so lecker, wie der Fahrer sagte.
Ohne weitere Probleme kamen wir am Flughafen in Tunis an. Ich verabschiedete mich von meinem Fahrer und von diesen fabelhaften Land. Während ich auf meinen Flieger wartete, hatte ich Zeit, um über die vergangenen knapp 10 Tage nachzudenken. Tunesien hat mich komplett umgehauen und das im positiven Sinn. Dieses Land hat so viel zu bieten kulturell, aber auch menschlich. Die Sehenswürdigkeiten, seien es nun antike Ruinen, oder detailreich geschmückte Moscheen, sind atemberaubend und die Menschen, die ich kennenlernen durfte, überboten sich nur so in Herzlichkeit und Gastfreundschaft.
Tunesien ist viel mehr als All Inclusive Hotels mit weißen Sandstränden und ich hoffe, dass das in Zukunft auch noch mehr Menschen erkennen. Was auch noch wichtig ist zu erwähnen, ist, dass ich das Land alleine als Frau bereist habe und mich zu wirklich keinem Zeitpunkt unwohl gefühlt habe. Klar gab es hier und dort ein paar vergebliche Flirtversuche, wie an der Louage Station in Tunis, aber diese konnten leicht abgewendet werden. Ich habe drei Jahre in Duisburg gewohnt, wo ich mich deutlich unsicherer gefühlt habe, als alleine hier in einem islamischen Land. Die Berichterstattung bei uns tut diesen Ländern hier zum Teil wirklich unrecht, was man daran merkt, dass ich mehrfach gefragt wurde, ob ich nicht Angst hätte vor dieser Reise. Die Antwort ist einfach: Nein, habe ich nicht und ich würde jederzeit wieder herkommen.
